Freiheit erzwingen oder Freiheiten zulassen?

In der Freien-Software-Welt (synonym wird auch oft OSS oder FLOSS gesagt) gibt es einen Streit, den ich ganz interessant finde auch für Anarchistinnen: Freie Software ist nicht gleich Freier Software! Es gibt da zwei Lager die sich im Groben aufsplitten in ein BSD-Lager und in ein „Copyleft„-Lager. Gemeinsam ist beiden Lagern das sie dafür sind Software quelloffen zu entwickeln. Das BSD-Lager besteht aus Befürwortern von Freien Lizenzen, die es ermöglichen das jede alles nutzt, inklusive dessen das sie nicht aufgefordert wird seine Ergänzungen und Änderungen selbst wieder unter einer Freien Lizenz zu veröffentlichen. D.h. sie hat die Freiheit aus freiem Material unfreies Material zu machen. Auf der anderen Seite steht das Copyleft-Lager, das sich für die Sicherung der Freiheit ausspricht, in dem es mit Copyleft-Lizenzen (wie die GPL) von anderen verlangt, das sie ihre Bearbeitungen unter gleichen Bedingungen weitergeben. Die schließt ein, das es möglich ist diese Bedingungen diese Bedingungen rechtlich durchzusetzen. Eine Website, die sich z.B. um Regelverletzungen kümmert ist gpl-violations.org.

Die interessante Frage, die sich daraus ergibt ist in Bezug auf Anarchie ob man Freiheit erzwingen kann (oder sogar muss) um sie zu erhalten? Vielleicht sollte man hier auch nicht so einen undifferenzierten Begriff wie „Freiheit“ alleine verwenden. Zudem muss man unterscheiden zwischen postulierten Freiheiten und dem Erzwingen durch Zwangsmaßnahmen. Das heisst wir müssen Freiheiten, die wir als nachhaltig betrachten unabhängig von den jeweiligen rechtlichen Rahmenbedingungen betrachten.Kann man also Freiheit erzwingen oder ist dies ein Widerspruch in sich? Vielleicht sollte man sich dazu klar machen was für eine utopisch freie Gesellschaft die Bedingungen wären: Ich rede jetzt nichtvon einem utopischen Zustand in dem alle Menschen vernünftig geworden sind und es keine Kriminalität mehr gibt. Ich rede von einem realistisch vorstellbaren Zustand. Es wird immer widerstreitende Interessen geben. Wäre eine anarchistische Gesellschaft ohne Regeln? Ich denke nicht. Im Gegensatz zu der Sichtweise das Anarchie oft als absolute Regellosigkeit verstanden wird glaube ich das Gegenteil:

Anarchie bedeutet das höchste Maß an Selbstdisziplin und einem hohen Maß an erstrittenem Konsens. Anarchie bedeutet nicht das jede einfach macht was sie will. So würde Anarchie nie funktionieren. Aanrchie bedeutet lediglich eine Verzicht auf Herrschaftsmittel. Auch ist Anarchie in hohem Maße eine moralische Theorie die an „das Gute“ im Menschen glaubt.Insofern baut sie auch auf dem gegenseitigen Vertrauen auf.

Dies ist aber nicht gleichzusetzen mit einer Naivität. Eine Anarchie muss sicherstellen, das der Zustand der Herrschaftslosigkeit nicht gefährdet wird durch unerwünschte Aneignung oder grobe Verletzungen des Konsenses. Deswegen kann sie zwar von Herrschaft Abstand nehmen, aber nicht von der Durchsetzung bestimmter Freiheiten. Diese wird die Anarchie verteidigen müssen, weil sie ansonsten ganz „anarchistisch“ ihre Freiheiten von denen abgezogen bekommt, die eher ihre eigenen Interessen im Kopf haben als das Gemeinwohl oder das Wohl des Nachbarn.

Ich denke das hier der grobe Begriff „Freiheit“ uns oft einen Streich spielt: zum einen sind wir es in einer repressiven System Widerstand zu leisten gegen Unfreiheiten, zum anderen betrachten wir die erkämpften Freiheiten in erster Linie als einen Freiraum, in dem wir selber meinen entscheiden zu sollen was wir tun. Zu dieser Art Freiheitsverständnis gehört m.E. die Freiheit die viele Urlauber verspüren, wenn sie für wenige Tage oder Wochen meinen dem System zu entkommen. Für ein kurzes Gefühl der Freiheit verkaufen sie dann ihr ganzes Leben dem System, anstatt für ein wirklich freieres Leben zu kämpfen. Sie denke sie wären frei, wenn sie auf ihrem Computer mit unfreiem Betriebssystem das Computerspiel ihrer Wahl installieren. Sie füheln sich aber in ihrer (Handlungs)-Freiheit eingeschränkt, wenn dieses Spiel z.B. nicht auf dem freien Betriebssystem Linux läuft.

Ich denke es handelt sich also hier vielfach um ein massives Missverständnis dessen, was echte Freiheit ist. Sicher ist Freiheit auch, wenn ich die Freiheit habe zu entscheiden, was ich lieber tun will. Dennoch ist es falsch zu erwarten, das wir in jedem Zusammenhang die volle Entscheidungs-Freiheit haben. Gerade in einer Anarchie wäre es wichtig das wir eine gewisse Verbindlichkeit aufrecht erhalten (aus uns selbst heraus). Ich bin an sich dagegen Freiheit zu erzwingen, aber ich finde den Copyleft-Ansatz pragmatischer und anarchistischer, weil er für den Erhalt von Freiheiten eintritt. Freiheit braucht Bedingungen unter denen sie überleben kann. Ich wende mich dagegen dafür auf Rechtsmittel zurückzugreifen. Aber wir können denen, die sich gegen eine Vereinbarung wenden der sie zugestimmt haben nicht unseren Unwillen und unsere Gegenreaktionen ersparen. Jede die mir etwas nehmen möchte muss mit meiner Reaktion rechnen, da ich meine Freiheiten verteidige. Dies gilt eben auch für den Bereich Software.

Das BSD-Lager setzt in naiver Weise darauf, das am Ende schon die Freiheit gewinnen wird, tut aber nichts für den Erhalt dieser Freiheit. Aus meiner Sicht ist das wie ein Fass mit einem Loch im Boden. Wenn sich niemand verpflichtet fühlt etwas zurückzugeben, dann wird dies auch nicht getan. Das OpenSSH-Projekt hat z.B. große Finanzierungsprobleme obgleich große Firmen wie Apple, Sun und IBM sich der Früchte bedienen. So ist es dann auf die Spenden einfacher User angewiesen. Zitat: „OpenSSH has no wealthy sponsors, nor a business model. In fact, no Commercial Unix or Linux vendor has ever given our project a cent.“(Quelle) Da stellt sich natürlich auch die Frage wer denn bereit ist seine Arbeitskraft und Freizeit einem Projekt zur Verfügung zu stellen dessen Früchte dann Megacorporations ernten?

Nein, Freiheiten oder Anarchie bedarf Vereinbarung an die sich die Beteiligten halten. Ansonsten wird sich gar nichts ändern. Es erfordert auch das Menschen bereit sich Kompromisse zu machen und auf bestimmte Freiheiten verzichten um dafür andere Freiheiten zu erhalten. Jeder Euro kann auch nur einmal ausgegeben und jede Stunde Zeit auch nur einmal genutzt werden und die Frage ist, wohin man Zeit und Geld investiert um für allen den größten Nutzen zu erreichen. Das BSD-Modell ist ganz offensichtlich gescheitert, weil hier gute Leute oft ohne Entlohnung die Arbeit für Firmen erledigen, die mit dem Mehrwert den sie aus fremder , unbezahlter Arbeitskraft erzielen Millionen scheffeln ohne das sie etwas zurückgeben müssen (oder sollen). Auf Dauer kann so etwas nicht funktionieren.

1 Kommentar

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