Wie Anarchie?

Eine grundsätzliche Frage sollte sich jede Anarchistin ab und zu stellen: Wie erreichen wir den gewünschten Zustand einer Anarchie? Aus meinen eigenen Erfahrungen abstrahiert kann ich, wie die meisten, leider auch nur sagen was nicht funktioniert bzw. was ich für nötig halte. Wovon ich gar nichts halte ist dazusitzen und darauf zu warten, das die Anarchie von selbst kommt. Oder auch zu glauben man können im Moment eh nichts tun. Wir müssen überlegen, was das Erstrebenswerte an einer Anarchie ist und dann einen Weg finden dieses Erstrebenswerte zu erreichen. Und ich würde sagen: Sogar im Kleinen! Sicher ist ein größerer anarchistischer Zusammenhang eher etwas für Übermorgen als für Heute oder Morgen. Aber ich meine zu beobachten das zu viele Anarchistinnen bereits vorab kapituliert haben. Bzw. wird auch viel Zeit darauf verwendet alte Kämpfe auszutragen, die entweder nicht zu gewinnen sind oder die viel Kraft erfordern, aber nicht die entsprechenden Ergebnisse bringen.

Für das Wichtigste halte ich unser persönliches Miteinander, also den Zusammenhang in dem wir leben. Noch wichtiger als die Arbeit, die wir machen (die würde ich an Platz zwei setzen) . Wie gehen wir miteinander um? Wie wohnen wir? Wie leben wir? Nur ein Aspekt darunter ist auch die Computernutzung, die ich in dem Artikel „Her mit dem Linux“ angesprochen habe. Diesen will ich dieses mal nicht näher beleuchten. Dagegen mehr den Aspekt der Gemeinschaft(en). Ich denke das Gemeinschaften die Wurzel jeder Anarchie sein müssten. Gemeinschaften in vielerlei Ausformung, d.h. räumlich in Sinne von Wohngemeinschaften, arbeitsmäßig im Sinne von Arbeitsgemeinschaften (oder auch Kooperativen) – und auch in verschiedensten Zusammenhängen sollen Gemeinschaften bzw. Freie Kooperativen die entscheidende Rolle spielen.

Wer den Wandel will muss sich organisieren. Wer den Wandel will muss neue Zusammenhänge schaffen, die an die Stelle treten von Zusammenhängen, die wir ablehnen. Wir müssen lernen zu Teilen und Tendenzen der Gesellschaft entgegenwirken, die die Vereinzelung, die Konkurrenz und den Konsum fördern wollen. Dabei sind alte Feindbilder wenig hilfreich. Denn letztendlich stehen wir uns selbst meist am meisten im Weg. Die Anarchie ist für die meisten Menschen zur zeit wenig attraktiv als Alternative, weil sie nicht in Erscheinung tritt und weil sie nichts anzubieten hat. Sie hat vielleicht theoretische Lösungen, aber keine die für die meisten Menschen erfahrbar sind.

Erfahrbar wird sie, wenn aus Gemeinschaften ein Zusammenhalt entsteht, der ers dem Einzelnen erlaubt auch Vorteile zu genießen, abseits seines Ego-Denkens. Zu erfahren, das ein anarchistischer Zusammenhalt Vorteile bringt, auch wenn man nicht nur an den eigenen Vorteil denkt.

Anarchie bedeutet Grenzen des Denkens zu sprengen, das Vorstellbare auszudehnen, neue Wege zu gehen. Es bedeutet einen Perspektivwechsel vorzunehmen und sich selbst von den Zwängen der Vorteilssuche zu befreien. Es bedeutet auch Mißtrauen gegen Vertrauen einzutauschen ohne dabei Hintergedanken zu pflegen.

Viele von uns leben wie ich heutigen Wohnzusammenhängen in denen es trotz aller Freundschaft und Nachbarschaft doch üblich ist, das jeder seine Lebenslasten doch ganz alleine zu tragen hat (die Probleme durch die Entscheidung ein Kind zu bekommen, Probleme des Alters, u.a.). Viele Zusammenhänge sind dabei nur gering belastbar und der eigene Besitz wird oft stärker gepflegt und empfunden als gemeinsame Ressourcen. Das liegt daran, das wir uns misstrauen. Wir misstrauen anderen, weil wir uns selbst kennen. Wir wissen wie oft wir auf unseren eigenen Vorteil aussind und trauen deswegen unserem Gegenüber nicht. Zudem gibt es eine Menge Zeitgenossen, die Anarchie so verstanden haben, das SIE profitieren und nutznießen, während sie selber nichts zurückgeben, bzw. das Gemeinschaftseigentum nicht achten. Diese sind genau so schlimm wie die Leute, die alles lieber für sich behalten, weil sie der Gemeinschaft misstrauen. Menschen, die in die Gemeinschaft reingeben (Vertrauen und Ressourcen) und dabei nicht andere Ausnutzen sind leider nicht so häufig anzutreffen. Eine Gemeinschaft aber lebt vom Gemeinsamen und vom gegenseitigen Vertrauen. Nimmt beides ab, stirbt auch die Gemeinschaft.

Im größeren politischen Zusammenhang ist das dass selbe, was auch die Demokratie und die Gesellschaft bedroht – denn die Propagierung des Einzelkämpfertums wird allenfalls dazu führen, das weniger für alle bleibt und natürlich nur sehr wenige (Gewinner) profitieren.

Wir Anarchistinnen aber lehnen den alles-regulierenden Staat ab, der doch nur die Interessen Weniger vertritt und nicht in der Lage ist einen gerechten Ausgleich zu garantieren. Wir haben nur uns selbst (in den Gemeinschaften) und alle, die wir dafür gewinnen das Gemeinsame anstelle des Vereinzelten zu präferieren.

Die Anarchie erfordert von jedem Einzelnen, das er sich Gedanken darüber macht, welche Auswirkungen sein Handeln für andere und die Umwelt hat. Und das anstatt das irgendwer vor ihr steht und ihr vorschreibt, wie sie was zu tun hat. Anarchie bedeutet mehr Verantwortung, mehr Verantwortung fordert mehr vom Einzelnen. Freiheit im anarchistischen Sinne bedeutet eben nicht zu tun oder zu lassen, wonach einem gerade der Sinn steht, sondern veranwortlich zu handeln. Somit ist Anarchie das Gegenteil von Egoismus und Chaos. Anarchie bedeutet das wir selber Verantwortung für unser und das Leben der anderen übernehmen und diese Verantwortung nicht entweder gar nicht wahrnehmen oder anderweitig abgeben. Wir müssen unsere Gemeinschaften mit positivem Inhalt füllen, damit sie attraktiv werden und bleiben und damit es sich für jede Einzelne lohnt in einem anarchistischen Zusammenhang zu leben. Ansonsten hat es die Anarchie nicht verdient zu überleben, weil sie sonst nur hohle Geschwätz ist, das Leuten die Zeit raubt und niemandem hilft. Wir selbst haben es in der Hand!

2 Kommentare

  1. schöner Text. Ich finde aber den Aspekt der Arbeit auch recht wichtig, viele Linke und AnarchistInnen sind oftmals nur solche im „Privaten“, bzw. dem von dir beschriebenen, und lassen sich „einfach so“ von ihren Bossen ausbeuten und über den Tisch ziehen…

  2. Stimmt. Liegt aber auch oft daran, das jeder Einzeln mit dem Rücken zur Wand steht und es eben zu wenige Kooperativen gibt, in denen gemeinsam gearbeitet wird.


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