G8 blockieren – die falsche Metapher?

Abgesehen von den ganzen Repressionen die staatlicherseits kommen und Vorschlägen einen Steinwurf als Mordversuch gleichzusetzen stellt sich die Frage, ob die Metapher den G8 zu blockieren richtig gewählt war. Man kann feststellen, das in den Medien 99% der Wahrnehmung sich mit den Autonomen und den Blockadeaktionen beschäftigt und den polizeilichen Gegenmaßnahmen. Das heisst aber auch das sich die G8-Gegner an der polizeilichen Gegengewalt aufreiben. Soweit ich es aus der Distanz mitbekomme gibt es auch eine Menge Workshops und Veranstaltungen ausserhalb dessen, von denen man aber auch wenig mitbekommt.

Entscheidend für einen echten Erfolg der Anti-G8-Bewegung sollte doch sein, das sie in der Lage ist ihre Botschaft zu verbreiten – und das nicht nur vor Ort? Aber was ist die Botschaft? Es gibt u.a. folgende Botschaften:

  • Das G8-Treffen soll delegitimiert werden, weil es undemokratisch ist (es fehlen Staaten)
  • Manche fordern nun von der G8 Handlungsfähigkeit zu beweisen und Schritte gegen den Klimawandel einzuleiten.

Problematisch an diesen Kritikpunkten ist:

  • Sie sind widersprüchlich (Wie kann eine nicht legitime Versammlung Klimaschutzziele definieren?)
  • Beide Kritiken setzen auf den Staat oder die Staaten – sie lehnen die Staaten als Konstrukte nicht ab, sondern fordern lediglich Reformen – z.B. aus der G8 eine UN-Vollversammlung zu machen.

Hier wird vielleicht deutlich das ein zu breites Bündnis vielleicht mehr Probleme in sich birgt als Lösungen. Ich habe z.B. bislang auf Indymedia keine klar erkennbaren anarchistischen Ziele gehört/gelesen. Man kann die natürlich zum Teil in Zielsetzung und Strategie erkennen – aber wenn sich alle nur noch als großen Brei verstehen wird es zunehmend schwerer über Zielsetzungen und Strategien zu streiten. Dies ist sowieso bereits schwierig, wenn allerseits ständig Solidarität eingefordert wird.

Ich selbst kann mit der Linie Kritik=konterrevolutionär wenig anfangen. Kritik, auch Selbstkritik ist wesentlich. Diese sollte aber nicht so weit gehen wie bei attac und anderen Veranstaltern und jede Verantwortung der Polizei für die Eskalation zu negieren und anzukündigen bei der Strafverfolgung mitzuhelfen. Ich verstehe Solidarität nicht als etwas was bedingt ist an Bündnisse und Abmachungen, sondern etwas, was jeder Mensch verdient, es sei denn er wendet sich gegen mich oder wesentliche menschliche Bedingungen – deswegen ist es m.E. auch möglich die Solidarität für einzelne Handlungen abzulehnen ohne sich damit gleichzeitig von dem Menschen als Ganzes zu solidarisieren.

Ganz offen gesagt: Aus meiner Sicht haben attac & Co. durch die Ankündigung sich an der staatlichen Verfolgung zu beteiligen nur weil einzelne Leute Steine werfen sich als unfähig und inkompetent erwiesen. Niemand braucht Steinwürfe gut zu finden – aber wer der Polizei hilft, die selber auch gewalttätig war, nur weil es die Polizei ist – bzw. weil die öffentliche Meinung dem Schwarzen Block gerne die ganze Schuld an allem zuweist (offenbar soll der Schwarze Block auch über 500 Demonstranten verletzt haben?) – der steht für mich auf der selben Seite wie die G8 Staaten, weil er deren Politik unterstützt.

Die Aktionen der Autonomen sind vielleicht wirklich kontraproduktiv – aber ich kann nicht umhin zu akzeptieren, das es Menschen gibt, die ihre Wut nur noch durch Aggressionen gegen die staatliche Gewalt und deren Symbole ausdrücken können. Nicht zuletzt sicher auch dadurch, das viele Menschen die Erfahrung machen, das in dem gegenwärtigen System demokratisch wenig erreicht werden kann, weil Entscheidungen immer mehr dem demokratischen Raum entzogen werden. Was aber auch daran liegt das der demokratische Raum manipulierbar ist. Es sind eben Vertreter die die Zusammensetzung von Ausschüssen bestimmen.

Es gibt im groben drei Sichtweisen :

  1. Die meisten Leute bewegen sich in der Sphäre „Da kannst du doch eh nix machen., Die machen was sie wollen“. Die meisten Leute haben bereits erfahren, das die Demokratie eine Pharce ist – und das es eben Leute gibt, die am längeren Hebel sitzen. Es gibt zwar Medien und andere Elemente die eine gewisse kritische Kontrolle ausüben – diese verhindern aber nur die schlimmsten Auswüchse – sind jedoch zumeist mehr systemverstärkend als systemkritisch.
  2. Es gibt Leute die meinen man könne das gegenwärtige System reformieren: An dieser Stelle schrauben und an jener – und schon läufts. Nur irgendwann sind alle Schrauben locker! Da fangen junge Leute in den Parteien an mit einem gewissen Idealismus – und werden auch gerne benutzt von denen, die wissen wie das System wirklich funktioniert. Und am Ende werden diese Leute mit zunehmenden Alter selber zu den Vertretern, die sie in der Jugend bekämpft haben. Weil sie jetzt etwas zu verlieren haben – ihren Platz an den Fleischtöpfen der Gesellschaft. Jede/r hat eben seinen/ihren Preis.
  3. Menschen, die das System ablehnen und einen echten Wandel anstreben. Dies ist keine sehr homogene Gruppe – ihnen gemein ist aber das sie zum einen (noch) nicht total resigniert haben und zum anderen (noch) nicht Teil des Systems werden wollen. Manche streben eine Revolution an, andere arbeiten daran Alternativen aufzubauen.

Diese drei Haltungen gibt es vielleicht so oder anders in jedem Menschen – und welche Haltung überwiegt kann von einem Moment zum Anderen oder von einer Lebenssituation zur nächsten wechseln.

Ich denke das Demokratien eigentlich überhaupt nicht zu knacken sind. Beim Anblick staatlicher Gewalt tuen sich alle Kräfte zusammen. man ist bemüht Kritik zu hören und aufzunehmen und assimiliert jede Art von verwertbarer Kritik – die Menschen werden dabei in eine passiven Rolle des Zuschauers gedrängt. Und ich möchte sogar behaupten das es anders als von vielen Kapitalismusgegener behauptet eben nicht um eine Verteidigung des Kapitalismus als Ganzes geht, sondern jeweils im Einzelnen um die Verteidigung von Besitzständen. Es gibt da eben niemanden in Pharmakonzernen oder sonstwo der den Kapitalismus verteidigen möchte. Es ist eben wichtig zu erkennen, das alle nur daran arbeiten ihre Einnahmen zu sichern und ihren eigenen Gewinn zu maximieren. Das heisst aber auch das niemand derjenigen, die gemeinhin als „Kapitalisten“ bezeichnet werden sich angesprochen fühlt. Die Kapitalismuskritik bewegt sich somit immer nur szeneintern, wo die Definition der Begriffe verstanden und auch akzeptiert sind.

Aber hier besteht auch ein guter Ansatzpunkt: Das heisst man kann die Einzelnen an ihren Einzelinteressen packen – und insbesondere wird deutlich das die Verhältnisse durch die Einschätzung und Orientierung des Einzelnen geprägt sind – und ob es ihm/ihr in den Sinn kommt, das sie eine Alternative hat. Deswegen denke ich das das Aufzeigen und Ermöglichen von Alternativen wichtiger und effektiver ist, als die „Smash Capitalism“-Formel – einfach weil es für letzteren keinen Adressaten gibt.

Zwischen-Fazit: Die Botschaften der G8-Gegner sind unklar und widersprüchlich – zum Teil haben sich Organisatoren auch gemein gemacht mit denen, die den Widerspruch gegen G8 unterdrücken wollen. Insofern sehe ich die Strategie des Bündnisses bisher als gescheitert an, da wesentliche Teile es nicht schaffen ein Mindestmaß an Solidarität mit anderen G8-Gegner zu halten und sich insbesonderer voreiliger Schlüsse zu enthalten (ich habe auch keine Distranzierung seitens attac gelesen bezüglich der Kommentare ihrer Führungsoffiziere). Die Metapher des Blockens scheint dem Castor-Widerstand aus dem Wendland entlehnt zu sein. Nur dort ging es auch tatsächlich um die Blockade eines Transportes. Hier nun wollte man einen Gipfel blockieren, der aber kein Transport ist. Sicher – alles ist symbolisch – aber macht man nicht auch sich und damit der ganzen Bewegung etwas vor? Offenbar ist man sich ja noch nicht einmal einig wo das Kernproblem ist.

Insofern beobachte ich eine sehr schwammige Argumentation. Im Grunde ist das einzig strukturierende Element die Polizeigewalt an der man vieles an den Verhältnissen beispielhaft deutlich machen kann. Hier zeigt der Staat Zähne – hier wird deutlich was passiert, wenn man sich als Bürger ausserhalb ausgetretener Pfade (wortwörtlich) bewegt. Sicher kann man dies auch anderweitig sehen – im Wesentlichen wissen das die Menschen auch – aber sie wollen es nicht wahr haben – bzw. haben schon vor langer Zeit gelernt das Widerstand zwecklos ist (angefangen von familiärer Gewalt über die Schule bis hin zum Berufsleben). Das heisst auch man muss keinem Menschen erzählen wie Scheisse der Staat ist: Die wissen das alle (vielleicht ausser kleine Kinder) – auch die Polizisten wissen das – deswegen stehen sie ja auch auf der „richtigen“ Seite.

Ich weigere mich anzuerkennen das es schon ein Erfolg von Anti-G8 ist, wenn die Journalisten statt mit der Kleinbahn per Schiff nach Heiligendamm fahren mussten – und wenn die Blockaden erfolgreich waren. Sicher: Gemessen an den Zielen: SEHR ERFOLGREICH! – Aber Ziele kann man nicht einfach frei wählen. Von dem was bisher geschafft wurde sage ich: Nettes Ding, Respekt – und ich hätte es nicht erwartet. Aber darüberhinaus ist dann doch fraglich, was bleibt?

Aber warten wir mal ab, was noch alles passiert.

2 Kommentare

  1. Zu anarchistischen Positionen:
    http://fda-ifa.org/g8

    habs allerdings selbst noch nicht gelesen.

  2. Ich sehe da keine wahrnehmbar anderene anarchistischen Akzente. „G8 Versenken“ kam auch von dem antfastisch-antiimperialistischen Bündnis: http://www.g8versenken.de/

    Ich habe irgendwo das Gefühl die Anarchistinnen hecheln da teilweise auch dem Anti-Mainstream hinterher. Von der Aussenwirkung her z.B. war die Aktion im Reichstag perfekt. Diese Gruppe hat dabei 100% der Aufmerksamkeit bekommen und alles erreicht, was man mit einer Aktion erreichen kann. Aber nicht dadurch das man sich an einen großen Protest angehangen hat, sondern weil man versucht hat intelligent eine eigene Botschaft zu kommunizieren. Besser kann man es IMHO nicht machen. Respekt. Ich habe von den Anarchistinnen auf G8 eigentlich gar nichts in den Medien mitbekommen. Und ich persönlich halte nicht viel davon in ein solches Konzert teilweise mit den gleichen Parolen einzustimmen, nur damit nachher ein Her Lafontaine sich hinstellen kann und den Protest vereinnahmt.


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