„Wikideppia“

An dieser Stelle mal ein kleiner Exkurs zu Wikis. Grundsätzliche Prinzipien von Wikis sind anarchistisch, d.h. selbstorganisierend – ohne Hierarchie – ohne Eigentümer und auf das Herausbilden eines gemeinsamen, groben Konsenses ausgerichtet. Das Ur-Wiki ist hier: Wards Wiki
. War Cunningham hatte die ersten Ideen zu Wikis. Es leitet sich von Hypertext-Systemen ab. Hypertext-Systeme dienten der Organisation von Wissen auf Seiten. Diese Systeme liefen nur auf einzelnen Rechner und wurden meist nur von einer Person gepflegt. Bei diesen Systemen wie HyperCard oder später AmigaGuide u.a. wurden bestimmte Worte in einem Text zu einem Link auf eine andere Seite. Dadurch entstand eine Art Datenbank aus Texten, die sich gegenseitig referenzierten – und zwar nicht wie vorher üblich lediglich durch Hinweis in Fußnoten, sondern direkt aus dem Text und Zusammenhang heraus. Dies ermöglichte es zum Teil schnell Inhalte anzulegen und auch zwischen verschiedenen Bezügen schnell zu wechseln. Ich nutzte diese Möglichkeit z.B. damals 1993 um bei meiner Ausbildung zum Heilpraktiker eine medizinische Wissens-„Datenbank“ zu erstellen (leider habe ich da keine Kopie mehr davon). Mit Einführung des WordwideWebs gerieten Hypertext-Systeme zum einen etwas ausser Mode, zum anderen enthielt die Seitenbeschreibungssprache HTML („Hypertext Markup Language“) eben wie der Name schon sagt wesentliche Hypertext-Elemente.

Das technisch-revolutionäre Elemente der Wikis das Ward 1995 erfand war, das man nicht länger trennte zwischen a) Hypertext schreiben und b) In einem Browser betrachten – sondern er ermöglichte es auf jeder Wiki-Seite diese direkt zu bearbeiten – Zudem nutzte er einen Mechanismus, der Links, die auf eine leere Seite verwiesen anders darstellte, bzw. das der Klick auf einen Seiten-Link bei einer leeren Seite dem Leser anbot, eine neu Seite zu erstellen. Dies vereinfachte das Generieren von Inhalten massiv. Zu dem damaligen Zeitpunkt interessierte sich aber kaum jemand dafür ausser Wissenschaftler der Entwurfsmuster-Lehre. Erst mit der Wikipedia 2000/2001 , die mit Wiki-Software arbeitet wurde die Wiki-Idee grundsätzlich populärer.

Allerdings muss man sagen – und darum gehts hier im wesentlichen – das die Wikipedia viele wesentliche Wiki-Prinzipien ignoriert. Irgendwie ist es natürlich schon großartig, das so ein riesiger, freier Wissens-Schatz entstanden ist. Andererseits hat die Wikipedia folgende „Geburtsfehler“:

  • Es wird versucht eine Enzyklopädie nachzubilden. Wer Wikis aber kennt weiss das ein Wiki immer dazu tendiert  primär ein „Wiki“ zu sein und keine Enzyklopädie – weil einfach die Technik und die Organisation anders ist und es auch ganz andere Möglichkeiten gibt.
  • Und damit kommen wir auch schon zum Punkt „Organisation“ – stellen Wikis grundsätzlich eher eine anarchistische Technik dar, so hat die Wikipedia eher ein meritokratisches Regime mit demokratischen Elementen etabliert. Das führt dazu, das Inhalte von Menschen geprägt werden, die im wesentlich nichts mit den Inhalten zutun haben und sich auch einer inhaltlichen Diskussion entziehen können. So gab es z.B. vor kurzem eine Bereinigung der Linux-Distributionen von irgendwelchen Leuten, die offenbar keine Ahnung und kein Interesse für Linux haben. Demokratie in diesem Zusammenhang bedeutet, das Leute beschliessen können, das irgendwelche Regeln gelten. So wurde z.B. in Deutschland beschlossen, das der Todestag mit einem Christen-Kreuz markiert wird. Bestimmten Usern werden sehr weitgehende Rechte verliehen, die diese nuztzen können andere Meinungen zu unterdrücken. So wird z.B. im Transrapid-Artikel keine Kritik am Transrapid zugelassen. Alle Transrapid-kritischen Lnks werden in kürzester Zeit entfernt – hier darf nur die Technik abgefeiert werden. Viele kritische Aspekte werden total ausgeblendet. Vielleicht wird dieses sogar von involvierten Industriekomplexen gesteuert – letztlich geht es ja um Milliarden – da kann man nichts dem Zufall überlassen.
  • Kategorisierung: Anders als bei den Ur-Wikis ist die Wikipedia sehr kategorielastig. Jeder Artikel wird also in eine Form gepresst und einsortiert. Darum entsteht ein regelrechter Kult. Im Gegensatz dazu ergeben sich Einordnung bei Ur-Wikis durch Interdependenzen. Normalerweise ist der Titel einer Seite anklickbar und man erhält alle Links, die auf diese Seite verweisen.
  • Reduktionisten: Aufgrund des Versuchs tatsächlich eine Enzyklopädie zu erstellen versuchen viele User jeden Artikel nach seiner Relevanz zu prüfen. D.h. alles, was entweder nicht im Internet zu finden ist, oder was der Meinung einiger weniger nicht relevant ist, weil sie es nict verstehen wird einfach gelöscht. Damit wird dann oftmals die mühsame, jahrelange inhaltliche Arbeit aufgrund von vorgeblichen Formalkritierien vernichtet. In Wikis wird normalerweise eigentlich nichts gelöscht, sondern immer „refactored“ – dieses Wort kann man nicht wirklich gut  übersetzen – es bedeutet soviel wie umbauen und kommt aus der Programmierkunst. Es ist nicht so, das man in Wikis nichts löscht, aber alle Ergänzungen werden zur Kenntnis genommen und entweder stehen gelassen oder in bestehende Inhalte eingebaut. Dabei ist es wesentlich, das die Leute möglichst wenig inhaltliche Affinität zu ihren eigenen Beiträgen haben. Inhalte sollten lanfristig nicht aus der Ich-Perspektive geschrieben werden, damit sie die Meinung vieler repräsentieren können. Aber die ich-Perspektive kann angewendet werden um bestimmte Inhalte zu diskutieren.
  • Und damit kommen wir zu einem weiteren wesentlichen Punkt: Wikis sollten keine getrennten Diskussion-Seiten haben. Diskussion, Information, alles findet auf einer bzw. mehreren Seiten statt. Die Einführung von einer Diskussionsseite pro Artikel in der Wikipedia wurde gewählt um „saubere“ Artikelseiten zu haben. Nur löst man damit nicht den Klärungsdruck – der wird dann verschoben auf irgendwelche speziellen Seiten, die dann oft nur von Insidern durchdrungen werden. So wird Diskussion zu einem Herrschaftsinstrument. Es sollen Meinungen und Inhalte unterdrückt werden – und dafür benutzt man künstliche, technische Hürden und die Waffen der Demokratie. Die Prinzipien des  Wikis, das jedem und jeder die Partizipation erlauben sollten werden umgedreht um lediglich bestimmte Meinungen und Inhalte zuzulassen.

in wenigen Sekunden unwiderbringlich zerstört – und erzeugenDies führt dazu, das die Wikipedia im Grunde einen Kampf gegen Windmühlenflügel kämpft. Ich habe an sich nichts gegen eine Enzyklopädie, die aus Wikipedia-Inhalten erstellt wird, aber dann bitte ein eigenes Projekt – und nicht in dem Projekt, das an sich alle Ideen, Meinungen und Inhalte sammelt und am bekanntesten ist. Selektion ist möglich als Weiterentwicklung, aber nicht bereits beim Input – und das Auslöschen von Geschichte, wie sie jeden Tag in der Wikipedia passiert erinnert an 1984. Bestimmte Themen und Meinungen werden ausgegrenzt und verschwinden, so als ob es sie nie gegeben hätte. Manipulation. Ein großer Verlust, der da entsteht – und daher hat die Wikipedia ihre heutige Rolle auch nicht weiter verdient. Viele wertvolle Stunden, die Menschen weltweit in die Verbesserung der Inhalte gesteckt haben werden von Ignoranten, die KEINE Ahnung von Wikis haben dazu auch noch Frust und neue Arbeit, da viele der gelöschten Seiten in kürzester Zeit wieder neu angelegt werden. Die Wikipedia strebt naturgemäß eigentlich nach Vervollständigung – einige Unbelehrbare (Mehrheit?) will aber nachwievor die Schaffung einer Enzyklopädie. Um dieses Ziel zu erreichen wird massiv gegen Inhalte vorgegangen. Die eigentliche Idee freie Inhalte zu schaffen wird vergewaltigt – dazu die Technik verändert. Deswegen „Wikideppia“ – weil hier Deppen  am Werke sind. Trotz allem gibt es eine große Gruppen von Leuten, die gerne dort an freien Inhalten mitarbeiten. Um so trauriger ist es wie wenige Deppen eine an sich gute Idee kaputt machen!

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