G8-Prognose Teil II (oder auch „Viel Lärm um nichts?“)

Hier nun meine Stellungnahme zu meiner eigenen Prognose von vor dem G8. Ich schrieb:

Deswegen wird es vermutlich auf beiden Seiten Schwerverletzte geben, wenn nicht sogar Tote…

Nun ich hatte mehr damit gerechnet, das es eine Großdemonstration am Zaun geben würde. Und ich hatte auch nicht damit gerechnet, das die Sperrzone Bestand haben würde. Auch nicht gerechnet habe ich damit das die Polizei total überfordert sein würde. Tote gab es glücklicherweise nicht.

Ich schrieb:

Es ist daher auch zu erwarten, das es da seitens des Staates zu noch viel weitreichenderen Machtmissbräuchen kommt…

Das hat sich leider zu 100% bestätigt – war aber auch nicht zu schwer zu erraten.

Die Folgen:

Ich schrieb:

Ein Erfolg wäre, wenn die Proteste weltweit zur Kenntnis genommen würden und die Politiker sich genötigt fühlen müssten sich inhaltlich so zu äußern, das sie den G8-Gegnern konkrete Zugeständnisse machen, in dem sie Nachbesserungen in Aussicht stellen. Alternativ dazu wäre es nötig das die öffentliche Meinung sich gegen die G8-Staaten wendet und dies im Nachgang zum G8-Gipfel zu Konsequenzen in der Weltpolitik führt, zumindest im Kleinen.

Das sehe ich überhaupt nicht als erreicht an. Ich bin mir klar darüber das die Zielsetzung vielfach anders gesetzt war – mehr in Richtung: „Den Großen G8 das ganze nicht durchgehen lassen. Widerstand Organisieren und Bündnisse schliessen (auch für die Zukunft)“. Aus solchen Perspektiven KANN man das ganze natürlich als Erfolg betrachten. Man hat die Polizei zum Großteil vorgeführt und
gezeigt was organisierte Bürgerinnen schaffen können.

Nehmen wir mal als Beispiel die Initiative „Block-G8“. Diese verkündete: „Ein voller Erfolg: Blockadekonzept voll aufgegangen„. Für die vorher angekündigten Zielsetzungen muss man auch insofern Respekt zollen das das anvisierte erreicht wurde. Problematisch finde ich aber folgende Aspekte:

Letzendlich wurde nichts wesentliches erreicht. Zum Teil wurden die Aktionen auch von Gewaltbildern in den Medien überdeckt. Die Organisationen die die Gegenaktionen gegen G8 angetrieben haben haben aber dennoch kommuniziert das Anti-G8 etwas gegen G8 bewirken könnte. Und haben so, meine ich zumindest, die Unterstützerinnen etwas an der Nase herumgeführt. Und insofern haben sie ggf. auch sich selbst Sand in die Augen gestreut. Doch das führt nur dazu das man selber die Situation falsch beurteilt. Eine falsche Einschätzung aber führt zu weiteren Fehlschlüssen und sicher auch zu weiteren, falschen Entsscheidungen.
G8 zu blockieren, ist im eigentlichen Sinne NICHT gelungen. Es gab einige Verzögerungen und Unannehmlichkeiten für das Gefolge und die Journalisten, Letzendlich kam es nicht zu einer Störung des grundsätzlichen Ablaufs – und die G8-Gruppe ist auch in keinem Sinne auf die Demonstrationen eingegangen.Viel wesentlicher als die vorgebliche Zielsetzung war vielleicht die Einübung von Widerstands-Praktiken und die Möglichkeit für Leute sich zu treffen und kennenzulernen. Wie z.B. auch für die internationale Indymedia-Gemeinde. Aber wenn das tatsächlich eine wesentliche Motivation war, warum wurde dies dann nicht so stark kommuniziert? Weil man damit nicht mobilisieren kann. Bzw. damit würde das ganze tatsächlich näher rücken als das was Sloterdijk als „Festivalkultur“ bezeichnet. Ein Event. In den Camp soll es angenehme Stimmung gegeben haben. nette Leute, nette Musik- und draussen dann ein klares Feindbild im Staat und der Polizei. Ich sehe durchaus viele positive Elemente darin. Solche Events können auch ein Netz an Beziehungen schaffen, das neben Freundschaften auch eine Vertrauensbasis schafft für zukünftige Zusammenarbeit. But yet again…. for what? Revolution? Viele haben die Vorurteile bestätigt bekommen die sie voher hatten. Und viele, auch erfahrene „Aktivistinnen“, haben so viel staatliche Gewalt noch nicht erlebt in Deutschland.

Aus meiner Sicht war die Mobilisierung zu G8 größtenteils falsch. Obgleich ich die Gegenreaktion des Staates in jeder Form verurteile, so wurde doch bei der Mobilisierung der Staat mit Worten provoziert. Wenn man nun weiss, wie dieser Staat tickt, dann konnte man erahnen, das er reagiert mit illegalen Hausdurchsuchungen und eben auch mit übertriebener Härte gegen die G8-Gegner. Man hat also breit mobilisiert mit einer emotional aufgeladenen Sprache – aber man hatte keine Ziele zu bieten ausser einer konkreten Blockade. Daher werfe ich den Mobilisierern vor, das sie, wissentlich oder nicht, Massen an Demonstrantinnen unter falschen Vorgaben aktiviert haben für ihre Zwecke. Ich mag es nicht wenn Menschen benutzt werden. – insbesondere dann nicht, wenn man sie dann auch in Situationen bringt, die nicht ungefährlich sind – und schon gar nicht mag ich es, wenn die Leute die große Töne spucken wie z.B. Monty Schädel sich im Nachhinein von denen distanzieren, die sich gegen die Polizeigewalt gewehrt haben. Sei es mal dahingestellt ob nicht auch vielleicht Zivilpolizisten und/oder Nazis in Autonomenverkleidung aktiv waren.

Von den ganzen Organisationen die beim G8 aktiv waren sehe ich am ehesten den Republikanischen Anwaltsverein als glaubwürdig an – und zum Teil auch Indymedia, die am ehesten versuchen aufzuklären, wenngleich Indymedia auch oft nur benutzt wird von dieser oder jener Organisation (das liegt auch an dem Konzept von Indymedia).

Ich hasse Propaganda und ich hasse Lügen, fast genau so wie die Gewalt. Wenn wir über Alternativen reden – über eine möglichere bessere Welt, dann sollten wir am ehesten damit beginnen ehrlich zu uns selbst zu sein – und auch zur Öffentlichkeit. Was wir vom Staat und von den Medien enfordern müssen „wir“ (wenn es denn so ein Wir überhaupt gibt) auch selber erfüllen. Unter dem Deckmantel der Solidarität kocht jede Gruppierung ihr eigenes Süppchen. Der Witz dabei ist das auf dem Papier oft Revolution steht – in den Köpfen aber nicht die Bewegung stattfindet, die für eine echte, zeitgemäße Revolution nötig wäre.

Meine persönliche Definition von moderner Revolution bedeutet dabei keine Anhänglichkeit an die Vergangenheit oder gescheiterten Revolutionen nachzutrauern. Sondern das Machbare neu zu definieren und auch zu leben. Das Hinterherjagen hinter einem fast jenseitigen, paradiesischen Revolutionsbegriffs bringt überhaupt nichts, sondern lenkt nur ab und bindet Kräfte.

Wie gesagt: Wenn man es mal genau analysiert hat Anti-G8 gar nichts gebracht, sondern viel Geld gekostet. Und dies jetzt eben nicht nur dem Staat inklusive Tornadoeinsätzen, sondern auch auf Seiten der Demonstrantinnen.

Von dem Alternativgipfel habe ich hier bisher noch gar nichts gehört – mag sein, das es für Anwesende schön und produktiv war – die Rolle aber ggf. zu zeigen das man die BESSERE Konferenz zustande bringt hat es für mich als Nicht-Anwesenden nicht gehabt.

Was die Nachbereitung des G8-Gipfels betrifft, so empfinde ich derzeit die Arbeit an der Aufarbeitung der Polizeigewalt und des Bundeswehreinsatzes mit konkreten Belegen und auch in Zusammenarbeit mit den etablierten Medien als sehr effektiv an. Ich denke das manchmal das Leben in und mit den Alternativmedien dazu führt, das „wir“ und halt gegenseitig informieren, aber es uns egal ist, was der Rest der Welt erfährt und denkt. Das sollte uns aber nicht egal sein. Alternativmedien sind sehr wichtig, aber alleine werden sie keine Veränderung bringen. Auch hier gibt es Distanzierungsrituale. Und natürlich ist es wahr, das die Massenmedien größtenteils wie ferngesteuert agieren. Aber es gibt hier und da die Möglichkeit eine Botschaft zu transportieren oder über die wahre Natur des Staates aufzuklären. Und aufbauend auf dem Zweifel an dem heutigen Staat als allerbeste Lösung Menschen zu gewinnen, die ihrerseits neue Ideen mitbringen. Ich finde es auch wichtig, das man nicht damit anfängt Leuten zu sagen, was sie wollen sollten. Dies führt mit Sicherheit zu weiteren geschichtlichen Sackgassen.

So, dies alles auch auf die Gefahr hin, das mir in meiner Argumentation niemand folgen mag 😉

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4 Kommentare

  1. im großen und ganzen stimme ich mit dir überein. ich selber war vorort und denke das ich in einer woche neue erfahrungen und kraft gesammelt habe die für mich persönlich wichtig sind. die blockaden waren sicherlich insofern ein erfolg als das sie die Verbotszone defakto außer kraft setzten; zeigten das wir solche Verbote usw. nicht nur kritisieren und vor gericht anfechten sondern auch einfach ignorieren können, desweiteren hoffe ich das die erfolgreichen blockaden und gemeinsamen erfahrungen nicht nur den beteiligten neue kräfte verleihen sondern auch die fähigkeit hat menschen zu inspirieren.
    eigentlich könnte ich noch mehr darüber schreiben aber ich bin gerade nicht so fit und muss noch anderen krams erledigen 😉

  2. Ich kann Dir auch weitestgehend zustimmen. Natürlich konnte man den Gipfel nicht verhindern, aber ich werte es als Erfolg, daß es gelungen ist, trotz Verbotet für Unannehmlichkeiten zu sorgen – angesichts der massiven Präsenz von Polizei war auch nichts anderes möglich.

    Das Wichtigste ist aber, daß sich eine handlungsfähige Protestbewegung manifestiert hat, auch wenn es nur zu diesem Anlaß war. Denn diese war in den letzten zehn, fünfzehn Jahren praktisch nicht existent. Natürlich, wir haben keine vorrevolutionäre Stimmung in diesem Land. Deswegen ist das „Revolutionsgeschrei“ der testosterongesteuerten Jünglinge mit Haßkappen nicht nur albern, sondern auch weltfremd. Aber es gibt viele Menschen in diesem Lande, die bereit sind, nicht mehr ruhig zu sein, sondern aufzustehen und sich zu engagieren. Mal schauen, was daraus wird. Mich hat die Zaunbesetzung von Heiligendamm hoffnungsvoll gestimmt. Auf Haßkappen kann ich verzichten.

  3. Aber … haben denn alle tatsächlich für das selbe demonstriert? Ich meine damit das viele z.b. reformistisch oder aus staatssozialistische Vorstellungen haben die oftmals konträr gehen zu dem, was ich will. Ich habe irgendwie das Gefühl das man gar nicht mehr so genau differenziert zugunsten möglichst breiter Bündnisse? Geht dabei aber nicht auch Inhalte verloren?

  4. Die Intention der Demonstranten mag verschieden gewesen sein. Ich habe auch nichts gegen Reformen, wenn durch sie die aktuelle Lage der Menschen verbessert wird. Dieser Spagat (Einforderung von Reformen – kampf für eine herrschaftsfreie Gesellschaft) ist m. A. auch notwendig, da wir a) über nicht genügend Ansätze verfügen, die zur Überwindung dieser Gesellschaftsform führen, und b) weil es verblendet ist, für die Menschen wichtige Verbesserungen abzulehnen, nur weil diese in dieses System eingebunden sind.

    Es muß noch viel, sehr viel geschenen, damit aus einer anarchistischen Idee eine starke Bewegung heranwächst, die wiederum den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Keim für die Überwindung des Kapitalismus legt. Leider gibt es viele Leute, die sich zwar Anarchisten nennen, doch nur an dem Aspekt des Zerschlagens interessiert sind, ohne sich über künftige Strukturen auch nur ansatzweise und über den eigenen Tellerrand blickend Gedanken zu machen.


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