Der Weg zu einer anderen Gesellschaft

Eien Frage, die mich immer wieder beschäftigt ist die Frage, wie realistisch – das heisst also durchführbare eine anarchistische Gesellschaft ist und wie man zu dem Punkt kommt. Dabei  fällt mir immer wieder auf – und ich habe in dem Blog ja auch ab und zu schon dazu Stellung bezogen – das in anarchistischen Kreisen oftmals im groben nur drei Dinge diskutiert werden:

  1. Wie müsste die perfekte anarchistische Gesellschaft aussehen – dies wird in der Form diskutiert, das man diskutiert inwiefern eine Maßnahme oder etwas wie Geld, Parlamente, … mit der Anarchismus-Theorie vereinbar sind.
  2. Sich selbst und andere informieren über anarchistische Geschichte und was sonst so passiert in der Welt.
  3. Das unmittelbare hier und jetzt. Konzerte organisieren, gegen Nazis, G8 ,… demonstrieren und andere Veranstaltungen und Aktionen planen.

Was sehr unterrepräsentiert ist, sind ganz konkrete Pläne Anarchie umzusetzen. D.h. wenn man sich überlegt was die anarchistische Theorie sagt und diese mit der Wirklichkeit abgleicht – und schaut wo man heute und morgen Änderungen oder Bewegung dorthin herbeiführen kann (klassicher Weise war dieser Weg „die Revolution“). Diese Thematik ist die einzige, die wirklich zu einer Anarchie führen kann – ich will mal durchaus akzeptieren, das ein Widerstand gegen Nazis, Staat und G8 durchaus auch produktiv ist – aber die Metapher des Widerstandes hat inhärent schon ihre Grenzen – denn wo es nichts gibt, wogegen Widerstand zu leisten wäre, würde es weder Aktion noch Entwicklung geben. Ich denke Widerstand ist eine brauchbare Metapher in der Verteidigung – und sicher ist es auch so, das anarchistische Ideen immer wieder von aussen bedroht werden. Aber nicht zuletzt auch dadurch, das sie, obgleich IMMER kreativ und bunt draufsteht dem Label in den seltensten Fällen entsprechen.

Mein Vorwurf ist, das die meisten Anarchistinnen in erster Linie daran interessiert sind sich in ihrer Szene wohlzufühlen und damit zufrieden sind von der großen Revolution zu träumen. Auch pflegt man gerne Feindbilder, weil dadurch die Welt einfacher wird. Wenn ich jede Handlung, jeden Menschen zu jedem Zeitpunkt neu bewerte zudem in meinem persönlichen Kontext – und nicht aus einem theoretischen Zusammenhang oder dadurch, das ich mich an Leitbildern orientiere mache ich es mir um einiges schwerer. Ich denke aber, das man um eine tägliche Neubewertung von Allem und Jedem nicht vorbeikommt. Dabei kann es durchaus zu gewissen“Abneigungs-Konstanten“ kommen. Mit gewissen Sachen KANN man sich einfach nicht anfreunden. ich plädiere aber stark gegen eine Eigenzensur und gegen das Nachplappern von Parolen. Außerdem plädiere ich dafür den Mut zu haben Dinge auszuprobieren, Erfahrungen zu machen und diese Erfahrungen als Bereicherung in eine anarchistische Bewegung (die es so eigentlich nach meinem Dafürhalten in Deutschland gar nicht gibt, oder?) einzubringen.

Heutzutage leben viele, wie auch ich, in der perversen Situation das das was sie denken und meinen und das, was sie leben (müssen) nicht sehr deckungsgleich sind. Und das liegt meines Erachtens daran, das viele Bereiche zu stark getrennt sind. Oft schätzt man die reine anarchistische Lehre – und bewahrt sie auch – was aber oft dazu führt, das sie dann im Beruf oder bei Behörden gar keine entscheidende Rolle spielt. Wir wollen aber wir können nicht? Jede/r von uns macht Kompromisse – aber anstatt diese klammheimlich einzugehen sollte man diese offen diskutieren. Dies fällt vielen aber nicht leicht. So reden manche in der Szene auf die eine Art und in Wirklichkeit bauen sie sich ein Leben auf, das irgendwann so aussieht wie sie es immer verurteilt haben. Am Ende der „Entwicklung“ steht dann allzu oft eine Entfremdung und eine Distanzierung von den Ideen des Anarchismus. Oft geschieht dies mit dem Prozess des Älterwerdens. Und wenn es keine Distanzierung gibt, dann gibt es oft ein Verharren in der Theorie. Es gibt so viele Anarchistinnen, die mich in der Theorie 40fach in die Tasche stecken könnten. Die Frage, ob sie selbst persönlich mehr Anarchie in ihrem Leben hinbekommen ist aber eine ganz andere.

Also was tun? Alleine kommen wir nicht weiter. Fortschritte hin zu mehr Anarchie können nur gemeinsam erarbeitet werden. Leider beobachte ich auch all zu oft, das Leute so lange Gemeinsamkeiten aufbrauchen bis nichts mehr übrig ist – und dann die fehlenden Gemeinsamkeiten beklagen. Es führt eben kein Weg dran vorbei: Wer Gemeinsamkeiten oder Gemeinsinn will, sollte auch etwas dafür tun. Anarchie wird sich nicht zwangsläufig aus der Geschichte ergeben. Hey, wir sind doch keine Marxisten, die ihre eigene Geschichtslogik aufstellen, oder?

Was ich mir wünsche und wofür ich arbeiten möchte ist ein modern, pragmatischer Anarchismus, der sich selbst und seine Formen immer wieder in frage stellt. Im Moment habe ich eher das Gefühl, das Anarchismus eher von einer neuen Generation oder einen anderen Szene umgesetzt werden kann – aber nicht von denen, die sich selbst als Anarchistinnen bezeichnen. Leider. Wenn wir auf zeitweise erfolgreiche Versuche wie in Spanien schauen sollten wir nie aus den Augen verlieren, das dort eben Anarchistinnen nicht irgendeine kleine Minderheit ware, die sich gegenüber vielem angegrenzt hat, sondern eine große Gruppe der Bevölkerung die bereit war Verantwortung zu übernehmen. Und deswegen wird es auch mit dem Anarchismus nur etwas, wenn seien Argumente besser und er attraktiver und erfolgreicher ist, als die bestehenden Systeme. Der andere Weg einer gewaltsamen Revolution einer kleinen Minderheit verbietet sich m.E. von selbst – zum einen sind die Zeiten nicht danach, zum anderen bin ich froh, das nicht einige der „Anarchistinnen“ mit großen Egos die Politik bestimmen. Letztendlich funktioniert Anarchismus eh nur, wenn alle irgendwie eingebunden sind und mitbestimmen.

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