Deutsche Attacke auf Fürstentümer – Feuer frei ?

Regelmäßig alle paar Monate wird dem Volk ein Sünder präsentiert aus den Reihen der Überreichen, auf den es dann gilt einzuhauen stellvertretend für die empfundene Ungerechtuigkeit bzw. den Neid auf dessen Vermögen. Interessant fand ich die Geschichte zu „BND im Zwielicht„. Offensichtlich ist auch der BND neidisch … auf die „legalen“ Ermittlungsmöglichkeiten deutscher Steuerbehörden. Deswegen geben sie mal eben 5 Millionen an Kriminelle und verrechnen das ganze dann gegen Ermittlungserfolge. Das sind Methoden wie bei der sizilianischen Mafia.

Noch ein paar Worte zu Zumwinkel : Sicher, der Kerl war gierig – letzlich war aber die Steuerflucht aber vielleicht eine der wenigen Aktionen in seinem Leben, wo er sich gegen das System gestellt hat. Schlimmer als Steuerhinterziehung sind eher die Methoden der Unternehmensführung und die Unbekümmertheit bei der Profitsuche. Aber das steht ja nicht zur Debatte. Wer brav Steuern zahlt, der gilt ja als guter Mensch. Die Systemfrage darf ja nicht gestellt werden. Dabei erinnert die Zumwinkel-Kampagne wieder einmal an traditionelle antisemitische Hetze – der Einzelne wird dämonisiert, das System als solches zu kritisieren aber ist tabu – Marktwirtschaft ist ja angeblich das einzig funktionierende System. Warum nur, frage ich mich, brauchten wir dann Hartz IV, warum die Pisa-Problematik, warum überfüllte Unis, Mangel an Fachkräften, explodierende Rohstoffpreise, Welthunger, Kriege, Bürgerkriege wie derzeit in Chiapas ,etc. . Aber Situation wie in Chiapas, da wird ja ausser bei Indymedia eigentlich gar nicht berichtet in deutschen Medien. Vielleicht sollte Zumwinkel mal nach Chiapas fahren? 😉 ….

Ich habe nichts gegen eine Freie Wirtschaft im ursprünglichen Sinne – das jeder wirtschaften kann ohne das ihn jemand kontrolliert. Wahr ist aber das die „Freie Marktwirtschaft“ nicht frei ist. [Keine Angst: ich plädiere auch nicht für Freiwirtschaft oder sonst einen Kack]. Die sog. „Freie“ Marktwirtschaft bedeutet im Grunde genommen, das die Schwächsten und Ärmsten in der Gesellschaft die wenigsten Rechte und Möglichkeiten haben. Die Marktmacht steigt mit den Gewinnen, dem Besitz und dem Einfluss – und hat darüber einen selbstverstärkenden Mechanismus. Frei bedeutet in dem Verständnis die Freiheit von Regeln, die die Schwachen schützen. Auch wird die Initiativkraft des Einzelnen gefördert, wohingegen es eher schwer ist als Zusammenschluss /Kollektiv tätig zu werden. Gemeinnütziges Wirtschaften ist eigentlich nicht vorgesehen, bzw. wird nicht erleichter oder befürwortet. Genossenschaften werden in übergeordnete Verbände gezwungen und stärker kontrolliert als ein Einzelunternehmen.Wer gemeinsam wirtschaftet erscheint offenbar als potentiell subversiv. Auch bei der Haftung und Gesellschaftsformen gibt es entweder die Individualhaftung – oder sowas wie bei der GmbH, wo es eine Haftungsbeschränkung für den Einzelnen gibt. Weswegen ja auch das Mietshäusersyndikat, was eigentlich am ehesten genossenschaftlich angedacht war die GmbH als Form wählte. Denn die wird staatlich vereinfacht – pervers aber wahr.

So wahr wie die Aussage „Alles gärtnert“ (im Bezug auf Tiere, die auch quasi Gartenbau betreibe) von Bill Mollison gilt auch ein „Alles wirtschaftet“ (oder „haushaltet“). Leider hat da die Marktwirtschaft (oder Kapitalismus) ein Definitionsmonopol ergattert, das ihr zu wenig streitig gemacht wird. Ich würde mir wünschen, das es bald eine Bewegung hin zu einem anderen Wirtschaften gibt, das auch gesellschaftlich Alternativen und Optionen klar macht. Ich bin die ganze Propagandarethorik leid. Auch die sog. „Kommunikationsguerilla“ ist in ihren Formen erstarrt – und vom vielzitierten kreativen Widerstand sehe ich nur zumeist das gewöhnlich, ewig gleiche Einerlei. Kreativität erfordert eben eigene Ideen – nicht nur das Kopieren von Aktionen. Aktionen sollten vor allem effektiv sein, kreativ oder bunt ist dabei sogar eher sekundär.

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5 Kommentare

  1. Dass Wirtschaft eben nicht immer der profane FDP-Freimarkt sein muss und dass die Alternativen dazu medial unterrepräsentiert – oder auch gar nicht existent – sind, das unterschreibe ich.

    Den Bogen von Zumwinkel zum Antisemitismus find ich aber ein bisschen zu weit. Und dass seine Handlungen ‚gegen das System‘ gerichtet waren finde ich nicht. Eher das Gegenteil: ein konsequentes Fortführen dessen, was darin schon angelegt ist.

  2. Es wird oft unterschätzt, das die Wirtschaft selbst für eine regulativen Staat eintritt. Jane Jacobs hat das ehr schön in „Systems of Survival“(http://en.wikipedia.org/wiki/Systems_of_Survival) beschrieben. Insofern ist ein Übertreten von Verboten zwar Ausdruck einer Arroganz, Selbstherrlichkeit und Gier – aber nicht im Sinne des Systems. Wennes das Regulativ des Staates niucht gäbe, würde der Kapitalismus nicht funktionieren. Der Kapitalismus rechtfertigt die Existennz des Staates – und somit dient ein Fall Zumwinkel als Paradebeispiel dafür das wir angeblich einen Staat brauchen.
    Zum „Antisemitismus“: An dem Punkt stimme ich oftmals mit der Analyse der Antideutschen überein. Die Wortwahl, die Bildersprache,die Dämonisierung enstprechen zum Teil 1:1 der Darstellung der Juden vor und während des 2. Welttkriegs – der böse Kapitalist – die Personalisierung eines Systems, das zwar unsere Welt heute nicht erklären kann, aber der Rückgriff auf diese Stilmittel sichert breite Zustimmung von links- bis rechtsradikal. Und dann wundert man sich das Neonazis bei antiimperialistischen Demos mitlaufen wollen. Warum wohl? Weil es genau ihrer Weltsicht entspricht. Dewegen plädiere ich auch dafür diese ganzen ausgelutschten Argumente auf den Müll zu werfen und zu versuchen die Dinge neu zu beschreiben, wie sie sind – und nicht zum „Mitschunkeln“.

  3. Ich hab Jane Jacobs nicht gelesen, aber soweit ich das dem Wikipedia-Eintrag entnehmen kann, macht sie eine Differenz von zwei Wertekomplexen auf, aus denen bei falscher Anwendung Konflikte entstehen. Zumwinkel und sein Verhalten wären dementsprechend Ausdruck einer Abweichung und somit nicht systemkonform.

    Was ich dagegen meinte war ein konsequentes Handeln im ökonomischen System, also auch die Anwendung wirtschaftlicher Denk- und Handlungsweisen auf andere Lebensbereiche. Ich denke wir blicken aus unterschiedlichen Perspektiven darauf, da soll noch mal einer erzählen, dass Begriffsklärung unnötig wäre 😉

    Was die ‚Dämonisierung‘ angeht: Ich denke, dass diese negativen Zuweisungsmuster eher offen und nicht per se antisemitisch sind, allein schon weil sie möglichst populär und weit wirken wollen. Erst in der Bezugnahme darauf wird ein Zusammenhang hergestellt, was vielleicht auch ein Mangel jeder Kritik (von antideutscher wie antiimperialistischer Seite aus, die beide ihre unschönen braunen Flecken haben) ist, weil sie das übersieht und so leicht in das abrutscht, was Du Schunkeln nennst.

  4. Also ich habe natürlich nicht gemeint das sie 100% antisemitisch sind, sondern sozusagen ihre Herkunft. Ich denke das der Antisemitismus einen Ton angeschlagen hat, der mittlerweile vielerorts zitiert wird. Das ist so eine Privatthese von mir – ich denke zum einen das Juden antisemitisch sein können als auch das eine neue Art von Antisemitismus sich im selben Tonfall und Ausrichtung auch gegen Nicht-Juden wendet. vielleicht war das auch schon immer so – letztlich haben auch die Nazis viele denunziert und ermordet warem, die für sie in die selbe Schublade passten. Ich kanns philosophisch nicht genauer bezeichnen oder auseinander nehmen – aber das es da eine „Werkzeugkiste“ gibt, die nachwievor benutzt wird. Stilmittel und Werkzeuge, d.h. zum einen die schon von mir erwähnte Dämonisierung – dann auch eine Herabwürdigung – z.B. Menschen(politische Gegner) als Schweine zu bezeichnen – als nächster logischer Schritt kommt dabei dann heraus, das fast jedes Mittel gegen dies „entmenschlichten“ Wesen recht ist. Ich bin mire bewusst, das man damit den Antisemitismus – Begriff noch weiter strapaziert – aber ich kennen keine anderen Begrifflichkeit, die auch ebenso diese ganzen Werkzeuge umfasst. Eigentümlich an diesen Methoden ist auch, das diese Kritik sich gerne jeglicher Selbstkritik entzieht. Die behauptet nur die Wahrheit zu sagen und eine Kritik an Stil und Fokus wird von den Benutzern als Zensurversuch abklassifiziert – da findet dann oft gar keine Selbstreflexion statt. Bzw. wird eine Kritik in Richtung Antisemitismus als lächerlich dargestellt, ggf. auch weil man als Linker ja von vorne herein auf der richtigen Seite steht – und dann kommt auch gerne die Aufforderung nach bedingungsloser Solidarität. So ein bisschen die Richtung: Selbstkritik hält nur auf – WIR sind hier die Speerspitze und wer den Stil kritisiert ist konterrevolutionär und so. So und in anderer Form schon öfters gehört. — Thilo

  5. Mit der Werkzeugkiste, auf die der Antisemitismus (und auch artverwandte Formen) zurückgreift hast Du Recht, ich würde allerdings soweit gehen wollen, diese Erscheinungen vom Begriff des Antisemitismus zu lösen, weil der für meinen Geschmack im Übermaß benutzt wird und viel zu viel relativiert.

    Vielleicht war auch der Holocaust so prägend, dass wir solche Phänomene nur unter diesem Begriff zu summieren in der Lage sind, aber trotzdem, er ist zu stark aufgeladen und findet imho sehr oft in falschen Kontexten seine Anwendung.

    Aber Du hast recht, Stil und Fokus müssen sich kritisieren lassen. Vielleicht umso mehr, als man nicht umhin kann, mit so extrem aufgeladenen Begriffen zu hantieren. Ich würde ja soziologisches Vokabular wie Gruppenidentität oder Exklusion vorziehen, wobei ich gestehe, dass das nicht so griffig ist 🙂


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