Filmrezension zu „Projekt A – Eine Reise zu anarchistischen Projekten in Europa“

Der Film Projekt A – Eine Reise zu anarchistischen Projekten in Europa wurde im jahr 2015 veröffentlicht. Hier zunächst der Trailer und die Selbstdarstellung:

Der Dokumentarfilm PROJEKT A taucht ein in die vielschichtige Welt der Anarchisten und bricht mit den gängigen Klischees über Steinewerfer und Chaoten. Er eröffnet viel mehr den Blick auf eine Bewegung, die das Unmögliche fordert, an den Grundfesten unserer Gesellschaft rüttelt und gerade deshalb das Augenmerk auf zentrale ungelöste Fragen unserer Zeit lenkt. Der Film handelt von einer politischen Bewegung, ihrer Theorie und den Menschen, die sich für deren Verwirklichung einsetzen.

Hanna, Mariano, Didac, Margarita und Makis sind Anarchisten. Sie träumen von einer freien Gesellschaft. Sie entwerfen konkrete Visionen einer anderen Welt und versuchen diese in ihrem Leben umzusetzen. Sie glauben daran, dass Menschen herrschaftsfrei leben können, ohne Staat, ohne Polizei, ohne Gesetze und Justiz – aus heutiger Sicht eine absurde Vorstellung. Ihr Leben ist ein Ringen mit Obrigkeiten, Konventionen und Vorurteilen. Egal ob in Spanien, Griechenland oder Deutschland, überall treten sie für ihre Ideale ein und bleiben trotz aller Rückschläge und auch Repressionen durch den Staat kämpferisch. Anarchie ist ein radikaler Ansatz und die Protagonisten von PROJEKT A stellen die Grundprinzipien der kapitalistischen Weltordnung in Frage.

Und damit sind sie nicht mehr alleine. Zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus stellen weite Teile der Gesellschaft ebenso den Kapitalismus als zukunftsfähiges Gesellschaftsmodell in Frage. Welche Alternativen bietet der Anarchismus?

PROJEKT A geht dieser alten und zugleich neuen Idee nach und nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise zu anarchistischen* Projekten.

Empfehlen wir den Film als Einstieg in das Thema Anarchismus?

Das müssen wir mit einem eindeutigen: NEIN beantworten. Die größte Schwäche des Films ist, dass er sich auf einige Individuen konzentriert. Und die Bildersprache in manchen Abschnitten reproduziert doch genau die Klischees, die die Beschreibung vorgibt zu hinterfragen. Es werden verschiedene Orte gezeigt und das ganze als „Projekte“ bezeichnet, wie auch der Titel suggeriert, dass es ein oder mehrere „Projekte“ seien. Gleichzeitig klassifiziert man den Anarchismus als „politische Bewegung“. Da liegt die Wikipedia doch näher mit der Definition: „Anarchismus ist eine politische Ideenlehre und Philosophie“.

Die einzelnen Beiträge aus verschiedenen Ländern sind durchaus interessant, aber sie lassen sehr wenig Einblick in den Anarchismus zu, oder in dessen Funktionsweise. Der Film versucht das Ganze aus der Perspektive Einzelner darzustellen, was Denkweise und Motivation angeht. Dabei wird insbesondere auch die Feindschaft und das binäre Verhältnis zum Staat betont.

Fast nichts wird über die Grundlagen und wichtigsten Ideen dargestellt. Und auch nicht darüber, wie eine anarchistische Organisation aufgebaut wird oder wo man anfangen kann. Es gibt fertige Beispiele, die sehr wenig darüber verraten, wie es gehen kann, aber durchaus einen anarchistischen Bezug haben.

Und wie kann man bitte das Anzünden einer Feuerwehr als Eisntiegsbild in den Trailer packen? Clickbait?

Hier ein Interview/Doku von Festival TV mit den Filmemachern Marcel Seehuber undMoritz Springer, dass auch einiges offenbart von der Grundhaltung:

Da gibt es eine große Überschneidung mit dem DIY-Ansatz, aber mehr in Richtung Selbstverwirklichung. Ein oft genanntes Vorurteil ist ja eben auch, dass man im Anarchismus „tut was man will“. Wobei nichts falscher sein könnte, als dies. E bedeutet min Wirklichkeit ja ein höchtes Maß an Selbstdisziplin. Eigentlich ist es ja der Kapitalismus und der Liberalismus, der das Individuum und die persönliche Freiheit über Alles stellt, ohne Rücksicht auf die Anderen und die Umwelt.

Ein Video vom Tagesspiegel:

Diese Dokumentation spricht das Gefühl an. Sie reduziert dabei aber Anarchismus auf eine Haltung oder eine bestimmte Szene. Und wo sie das nicht tut, wie bei der Solidarischen Landwirtschaft, hat es nur wenig mit Anarchie zu tun.

Die Gesellschaft zu ändern wird nicht dadurch passieren, dass es eine Unzahl an kleinen Projekten gibt, die für sich eine Nische finden. Eine Gesellschaft und eine Wirtschaft ändert sich dann, wenn eine kritische Masse erreicht wird. Man kann durchaus klein anfangen, aber der Fokus auf diese kleinen Projekte oder diese Individuen verkennt das eigentliche Ziel und fördert den Glauben oder auch die Selbstzufriedenheit damit, dass man meint im Kleinen bereits Anarchismus leben zu können.

Ja, es hat sehr viel mit Selbstorganisation zu tun. Aber auch mit dem Umgang miteinander. Und bei Miteinander geht es dann auch um mehr als nur um „Genoss:innen“. Es muss daher um viel mehr gehen, als um Projekte. Auch wenn etwas nicht nach Anarchie aussieht, kann es der richtige Weg sein. „Gute Beispiele“ führen vielleicht sogar dazu, dass gute Ansätze nicht weiter verfolgt werden.

„Projekt A“ hat einen Teil seiner Produktionskosten per Crowdfunding eingespielt. Allerdings ist es nicht einfach als Film herunterladbar, oder als Dokumentation für alle kostenlos oder gegen Spende online anzuschauen. Zwar bieten die Projekte, über die berichtet wird alles kostenlos, aber hier wird Geld verdient – und zwar durchaus auch auf den kapitalistischen Plattformen Youtube und Amazon. So weit also, auf richtig schlimmen Konzerne zu verzichten, ging man nicht. Das scheint also absolut vereinbar mit einer Grundüberzeugung pro Anarchie – und den optischen Bezügen der Filmemacher zu einem gewissen Lifestyle. Einen Film über Anarchismus machen und anderen erzählen, was das ist und selber nicht auf die Großen verzichten.

Es geht auch anders, wie zB Cine Rebelde zeigt. Die Notwendigkeit Filme auch zu refinanzieren kann man ja nachvollziehen, aber es gibt da auch Schmerzgrenzen für eben solche Filme, die Gute Beispiele darstellen wollen.Eben. Wo fängt der Wandel an? Schauen wir lediglich nach Spanien und Griechenland und würden gerne Urlaub machen in so einem Projekt. Und fühlen uns anschließend als „Rebell:innen“, machen aber weiter wie bisher. Oder wagen wir es bei uns selber anzufangen und machen Dinge anders und fangen im Kleinen an?

Letzteres erscheint sinnvoller, als lediglich „feel good“-Anarchismus anzubieten. An Kompromissen kommt man nicht vorbei, aber wenn es um Vorbilder geht, sollte man schon konsequent sein.